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Schulsystem in Frankreich: Égalité und dennoch Eliten

Beate Meinl-Reisinger
Beate Meinl-Reisinger

Das französische Schulsystem kennzeichnet sich durch 3 Charakteristika aus

  • Laizität
  • Les cartes scolaires – also klare Schulsprengel
  • Ein System für alle

Neben öffentlichen Schulen gibt es auch private und konfessionelle Schulen sous contrat – das heißt unter Vertrag mit dem Staat. Das heißt auch, dass die Schulen, die sich dem französischen Schulsystem unterwerfen fast ebenso finanziert (etwas geringerer Beitrag pro Schüler – dafür kommen Beiträge der Eltern dazu, die aber nicht hoch sein müssen) werden und einen öffentlichen Abschluss haben. Das heißt auch, dass gerade auch konfessionelle Schulen sich dem Laizismus unterwerfen.

Beginnend mit den écoles maternelles – den Vorschulen von 3 bis 6 Jahre, schließt daran die école élémentaire an – die Grundschule. Die Grundschule dauert anders als in Österreich 5 Jahre.

Mit 11 Jahren wechseln alle Kinder ins Collège. Das französische System beinhaltet also eine Gesamtschule und zwar unter sehr enger staatlicher Führung und Aufsicht. Inklusive aller Lehrer arbeiten 1 Million Beamte in Frankreich für das Schulsystem!

A Propos Lehrer: Die Ausbildung der Lehrer an Vor- und Grundschule sind gleich. Dort unterrichtet der Lehrer/die Lehrerin auch eine Klasse. Im Collège und im Lycee unterrichten die Lehrer jeweils nur ein Fach. Als Lehrer kann man es sich nicht aussuchen, wo man unterrichtet. Man wird in einem gewissen Gebiet zugeteilt. Insbesondere Junglehrer kommen so oft in die Schulen, die keinen guten Ruf haben. Personelle Autonomie gibt es nicht. Nur Privatschulen suchen sich Lehrer aus. In den Vor- und Grundschulen ist der Direktor ebenfalls ein Lehrer, der aber keine weitreichenden Kompetenzen hat. In den Mittelschulen und im Lycee gibt es einen Verwaltungsrat, der über einige Angelegenheiten der Schule bestimmt.

Erst mit 15 Jahren teilen sich die Schüler je nach ihren Noten auf: Auf generelle Lycees, technische Lycees oder die so genannten Lycee professionell (oder CFA – Lehrausbildungsstätten), die es einem ermöglichen einen konkreten Beruf zu erlernen. Das echte duale System gibt es nicht. Dafür schließen alle Lycees mit einem Baccalauréat ab. Aber nicht jedes ermöglicht den gleichen weiteren akademischen Weg. Dazu weiter unten.

Wichtig ist daher in Frankreich die Berufs- und Ausbildungsorientierung. Diese ist fixer Bestandteil des staatlichen Angebots. In Form von Information und Beratung – durch Publikationen, Online Tests, Apps, Telefonhotlines und Chats, sowie durch Berufsorientierungszentren, die auch in den Schule selbst vertreten sind und die Schüler einzeln beraten. Dabei ist es aber mehr als Beratung. Es geht auch um Entscheidung, denn die Leistung der Schülerinnen und Schüler spielt eine gewaltige Rolle und nicht alles steht allen offen. Für ein lycee general oder technologique braucht man einen deutlich besseren Notenschnitt als für ein lycee professionell.

Und jetzt komme ich zu einem Knackpunkt des französischen Schulsystems, der überall und gerade auch einer in Österreich ist, sich aber in Frankreich maximal auswirkt: Den Schulsprengeln. Wer in einer „schlechten“ Gegend wohnt, geht dort in die Schule. Und zwar in eine bestimmte, vorgegebene. Ein sozio-ökonomischer Mix, der natürlich überall Utopie bleiben wird, findet so aber gar nicht statt. In Pais führt das dann dazu, dass Eltern sich und ihre Kinder irgendwo anders melden (Briefkasten-Meldungen), um die Chance auf eine „bessere“ Schule zu haben. Besser ist die Schule nicht in Bezug auf Angebot, Lehrplan oder Lehrer. Aber in Punkto Schülerpopulation.

Nun zu einem weiteren Knackpunkt: es sind zwar alle gleich und alle werden gleich ausgebildet, aber es gibt eine starke Elitenbildung durch eine strikte Berufsorientierung, strenge Aufnahmekriterien und dadurch auch viel Druck auf Schülerinnen und Schüler. Bei all den Präsentationen und Gesprächen, die ich hatte, habe ich den Eindruck gewonnen, dass es in Frankreich beileibe nicht darum geht, dass sich Kinder in der Schule entfalten oder „Spaß haben“. Vielmehr geht es um Leistung und darum aus den Kindern wertvolle Staatsbürger zu formen, die ihren Platz und ihre Rolle nicht zuletzt als Steuerzahler einnehmen.

Elitenbildung von Seiten des Staates also. Noch deutlicher wird das bei der tertiären Bildung (enseignement superieur). Normale Hochschulen, mittelmäßige Universitäten und daneben die Grandes écoles und harte, selektive Vorbereitungskurse (dauern 2 Jahre) für bestimmte Studien. Nehmen wir hier nun zum Beispiel ein Medizinstudium her: Um eine Facharztausbildung zu bekommen braucht es zunächst ein Vorbereitungsjahr (für alle medizinischen Fächer) mit einem harten Auswahlverfahren am Ende (Concours), danach 5 Jahre generelles Medizinstudium und danach noch 5 weitere Jahre zur Spezialisierung. 11 Jahre also. Noch härter ist es in die Grandes écoles reinzukommen. Ein Knochenjob, der bisweilen dann aber, wenn man drin ist bezahlt wird.

Erstaunlich, dass trotz enorm hohen Anteils des Staates an der Bildung in einem Land, das Égalité als Grundpfeiler festgeschrieben hat, Eliten nicht nur ihren Platz haben, sondern in – vergleichsweise zu Österreich – großem Ausmaß gefördert werden.

PS: Ich wurde natürlich seit dem Blog gefragt, wie ich das bewerte. Nun, ansich wertfrei. Einerseits beindruckt mich die Konsequenz der Bilung und Ausbildung schon sehr. Zum Beispiel die der Beamten. Hier wäre es unmöglich, dass ein Parteigünstling aus dem Kabinett eines Ministers in leitende Position in einem Ministerium gesetzt würde. Andererseits sind auch viele Politiker auf die ENA – also die Beamten-Eliteschule gegangen. Das strenge Sprengelwesen halte ich tatsächlich für problematisch. Gepaart mit einem schlechten (Sozial-) Wohnungsmanagement (wenige Sozialwohnungen und nicht gut durchmischt) eine schlechte Kombination. Hier gibt es echte „Ghettoschulen“. Können alle am Ende der Schulpflicht gut Französisch? Lesen, Schreiben, Rechnen? Ehrlich: Darauf hab ich keine valide Antwort bekommen. 10% scheitern jedenfalls. An sich sollte aber die école maternelle viele Wurzeln schaffen. Möglicherweise muss man sich aber auch von der Idee verabschieden, dass Schule ab 3 Jahren alles besser macht.

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