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Österreich zum Bildungsweltmeister machen

Was hierzulande utopisch scheint, ist andernorts längst Realität.

„Wir haben keine Ressourcen für Kontrolle“, so die Beamtin im estnischen Bildungsministerium auf meine Frage, wie Estlands Schulen mit ChatGPT umgehen. Diese Aussage beschreibt die estnische Herangehensweise an Bildung und Schulen sehr treffend. Vertrauen, Schulautonomie und wissenschaftliche Evidenz werden im Land mit Europas besten Pisa-Ergebnissen großgeschrieben. Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit, Estlands und Finnlands Schulsysteme kennenzulernen. Ein Bildungssystem, das hierzulande utopisch scheint, ist eigentlich nur zwei Flugstunden entfernt längst Realität.

Nicht zuletzt seit der Pandemie haben wir gelernt: Österreich hinkt hinterher. Die Bildungspolitik in unserem Land ist derart ideenlos, dass der Kanzler nunmehr ein Fach „Programmieren“ zur Vision für 2030 deklariert.

Programmieren steht in Estland nicht im nationalen Curriculum, wohl aber die IKT-Kompetenz als Zielbeschreibung. Seit 2001 sind alle Schulen ans Internet angeschlossen und mit Laptops ausgestattet. Lernen mit digitalen Mitteln war bereits lange vor der Corona-Pandemie Usus. Statt Verbote wie in Österreich aufzuerlegen, werden ChatGPT und Künstliche Intelligenz als Chance begriffen. Denn nur durch die Anerkennung der technologischen Disruption können Kinder auch auf die Fragen von morgen vorbereitet werden.

Der wohl zentrale Schlüssel zum Erfolg ist die Schulautonomie. Im Verständnis, dass zu viel Regulierung die Eigenständigkeit hemmt, geben die Bildungsministerien ein nationales Curriculum vor. Wie die darin vorgegebenen Ziele erreicht werden, entscheiden Lehrkräfte und Schuldirektionen selbst. Nicht nur die Inhalte liegen in der Hand der Schulen, auch das Budget oder die Personalhoheit.

Gemein ist allen Schulen das Verständnis für die Schule als Gemeinschaft, in der sich Kinder und Jugendliche wohlfühlen sollen. Schulen stehen in der Verantwortung, Kinder zu selbstständig denkenden Persönlichkeiten heranzuziehen, die Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten haben. Die Schülerinnen und Schüler werden als wichtiger Bestandteil der Gesellschaft ins Zentrum gestellt. Ein warmes, gesundes Mittagessen ist daher ebenso fixer Bestandteil des Schulalltags wie sozial-emotionales Lernen, um die Klassengemeinschaft zu stärken und Mobbing zu verhindern.

Die finnischen und estnischen Beispiele zeigen deutlich, dass Österreichs Bildungssystem viel grundlegendere Reformen benötigt als nur ein Fach „Programmieren“. Seit Jahren unterwirft sich das Bildungsministerium aus Angst vor Reformen der Mittelmäßigkeit. In einem Land, das nicht über große natürliche Ressourcen verfügt, besteht unser einziger Reichtum doch allein aus den Menschen im Land und ihren Talenten. Österreich zum Bildungsweltmeister zu machen: Das muss unser erklärtes Ziel sein. Setzen wir auf Chancengerechtigkeit und stellen wir ein Recht auf gute Bildung für alle sicher. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und künftigen Wohlstand in unserem Land ist eine Bildungsreform unumgänglich!

Mein Gastbeitrag aus der Wiener Zeitung.

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