Schulsystem in Frankreich: Égalité und dennoch Eliten

Das französische Schulsystem kennzeichnet sich durch 3 Charakteristika aus

  1. Laizität
  2. Les cartes scolaires – also klare Schulsprengel
  3. Ein System für alle

Neben öffentlichen Schulen gibt es auch private und konfessionelle Schulen sous contrat – das heißt unter Vertrag mit dem Staat. Das heißt auch, dass die Schulen, die sich dem französischen Schulsystem unterwerfen fast ebenso finanziert (etwas geringerer Beitrag pro Schüler – dafür kommen Beiträge der Eltern dazu, die aber nicht hoch sein müssen) werden und einen öffentlichen Abschluss haben. Das heißt auch, dass gerade auch konfessionelle Schulen sich dem Laizismus unterwerfen.

Beginnend mit den écoles maternelles – den Vorschulen von 3 bis 6 Jahre, schließt daran die école élémentaire an – die Grundschule. Die Grundschule dauert anders als in Österreich 5 Jahre.

Mit 11 Jahren wechseln alle Kinder ins Collège. Das französische System beinhaltet also eine Gesamtschule und zwar unter sehr enger staatlicher Führung und Aufsicht. Inklusive aller Lehrer arbeiten 1 Million Beamte in Frankreich für das Schulsystem!

A Propos Lehrer: Die Ausbildung der Lehrer an Vor- und Grundschule sind gleich. Dort unterrichtet der Lehrer/die Lehrerin auch eine Klasse. Im Collège und im Lycee unterrichten die Lehrer jeweils nur ein Fach. Als Lehrer kann man es sich nicht aussuchen, wo man unterrichtet. Man wird in einem gewissen Gebiet zugeteilt. Insbesondere Junglehrer kommen so oft in die Schulen, die keinen guten Ruf haben. Personelle Autonomie gibt es nicht. Nur Privatschulen suchen sich Lehrer aus. In den Vor- und Grundschulen ist der Direktor ebenfalls ein Lehrer, der aber keine weitreichenden Kompetenzen hat. In den Mittelschulen und im Lycee gibt es einen Verwaltungsrat, der über einige Angelegenheiten der Schule bestimmt.

Erst mit 15 Jahren teilen sich die Schüler je nach ihren Noten auf: Auf generelle Lycees, technische Lycees oder die so genannten Lycee professionell (oder CFA – Lehrausbildungsstätten), die es einem ermöglichen einen konkreten Beruf zu erlernen. Das echte duale System gibt es nicht. Dafür schließen alle Lycees mit einem Baccalauréat ab. Aber nicht jedes ermöglicht den gleichen weiteren akademischen Weg. Dazu weiter unten.

Wichtig ist daher in Frankreich die Berufs- und Ausbildungsorientierung. Diese ist fixer Bestandteil des staatlichen Angebots. In Form von Information und Beratung – durch Publikationen, Online Tests, Apps, Telefonhotlines und Chats, sowie durch Berufsorientierungszentren, die auch in den Schule selbst vertreten sind und die Schüler einzeln beraten. Dabei ist es aber mehr als Beratung. Es geht auch um Entscheidung, denn die Leistung der Schülerinnen und Schüler spielt eine gewaltige Rolle und nicht alles steht allen offen. Für ein lycee general oder technologique braucht man einen deutlich besseren Notenschnitt als für ein lycee professionell.

Und jetzt komme ich zu einem Knackpunkt des französischen Schulsystems, der überall und gerade auch einer in Österreich ist, sich aber in Frankreich maximal auswirkt: Den Schulsprengeln. Wer in einer „schlechten“ Gegend wohnt, geht dort in die Schule. Und zwar in eine bestimmte, vorgegebene. Ein sozio-ökonomischer Mix, der natürlich überall Utopie bleiben wird, findet so aber gar nicht statt. In Pais führt das dann dazu, dass Eltern sich und ihre Kinder irgendwo anders melden (Briefkasten-Meldungen), um die Chance auf eine „bessere“ Schule zu haben. Besser ist die Schule nicht in Bezug auf Angebot, Lehrplan oder Lehrer. Aber in Punkto Schülerpopulation.

Nun zu einem weiteren Knackpunkt: es sind zwar alle gleich und alle werden gleich ausgebildet, aber es gibt eine starke Elitenbildung durch eine strikte Berufsorientierung, strenge Aufnahmekriterien und dadurch auch viel Druck auf Schülerinnen und Schüler. Bei all den Präsentationen und Gesprächen, die ich hatte, habe ich den Eindruck gewonnen, dass es in Frankreich beileibe nicht darum geht, dass sich Kinder in der Schule entfalten oder „Spaß haben“. Vielmehr geht es um Leistung und darum aus den Kindern wertvolle Staatsbürger zu formen, die ihren Platz und ihre Rolle nicht zuletzt als Steuerzahler einnehmen.

Elitenbildung von Seiten des Staates also. Noch deutlicher wird das bei der tertiären Bildung (enseignement superieur). Normale Hochschulen, mittelmäßige Universitäten und daneben die Grandes écoles und harte, selektive Vorbereitungskurse (dauern 2 Jahre) für bestimmte Studien. Nehmen wir hier nun zum Beispiel ein Medizinstudium her: Um eine Facharztausbildung zu bekommen braucht es zunächst ein Vorbereitungsjahr (für alle medizinischen Fächer) mit einem harten Auswahlverfahren am Ende (Concours), danach 5 Jahre generelles Medizinstudium und danach noch 5 weitere Jahre zur Spezialisierung. 11 Jahre also. Noch härter ist es in die Grandes écoles reinzukommen. Ein Knochenjob, der bisweilen dann aber, wenn man drin ist bezahlt wird.

Erstaunlich, dass trotz enorm hohen Anteils des Staates an der Bildung in einem Land, das Égalité als Grundpfeiler festgeschrieben hat, Eliten nicht nur ihren Platz haben, sondern in – vergleichsweise zu Österreich – großem Ausmaß gefördert werden.

 

PS: Ich wurde natürlich seit dem Blog gefragt, wie ich das bewerte. Nun, ansich wertfrei. Einerseits beindruckt mich die Konsequenz der Bilung und Ausbildung schon sehr. Zum Beispiel die der Beamten. Hier wäre es unmöglich, dass ein Parteigünstling aus dem Kabinett eines Ministers in leitende Position in einem Ministerium gesetzt würde. Andererseits sind auch viele Politiker auf die ENA – also die Beamten-Eliteschule gegangen. Das strenge Sprengelwesen halte ich tatsächlich für problematisch. Gepaart mit einem schlechten (Sozial-) Wohnungsmanagement (wenige Sozialwohnungen und nicht gut durchmischt) eine schlechte Kombination. Hier gibt es echte „Ghettoschulen“. Können alle am Ende der Schulpflicht gut Französisch? Lesen, Schreiben, Rechnen? Ehrlich: Darauf hab ich keine valide Antwort bekommen. 10% scheitern jedenfalls. An sich sollte aber die école maternelle viele Wurzeln schaffen. Möglicherweise muss man sich aber auch von der Idee verabschieden, dass Schule ab 3 Jahren alles besser macht.

Das französische Schulsystem im Überblick

Das französische Schulsystem im Überblick

7 Kommentare zu “Schulsystem in Frankreich: Égalité und dennoch Eliten

  1. Für mich wäre die entscheidende Frage: Können die Kinder nach Verlassen der Pflichtschule lesen, schreiben und einwandfrei Französisch sprechen? Wenn ja, dann ist das System wesentlich erfolgreicher als das österreichische!

  2. Ich habe ein Jahr lang an einem Pariser lycée Deutsch unterrichtet. Das frz. Schulsystem ist der ärgste hierarchischste Leistungsdrill, den man sich in Europa (kaum) vorstellen kann. Jeder und jede muss genau GLEICH funktionieren (Betonung auch auf funktionieren!) – égalité eben 😉
    @Frage von Frau Krupitza – nein, sehr sehr viele Französ*innen (wohlgemerkt OHNE Migrationshintergrund) können nach der Pflichtschule die frz. Rechtschreibung und teilweise auch die Grammatik bis ins Erwachsenenalter hinein schlecht bis sehr schlecht. Das weiß ich, weil ich sie selbst beherrsche und auch 1 Jahr in Paris studiert habe – die Professoren haben sich immer sehr über mein Französisch gefreut 😉 Für mich ist das aber bei weitem nicht das wichtigste Kriterium für eine Gesellschaft… In Frankreich ist gerade die Rechtschreibung DAS Kriterium, ob jemand Elite ist oder nicht – es wird extrem viel Beschämung über das Rechtschreib(un)vermögen vorgenommen in der Gesellschaft. Sehr traurig…
    Ich glaube, ein erfolgreiches Schulsystem sollte als Grundlage die Liebe haben und die Freude an der Welt und was es zu entdecken gibt. Ich bin auch Lehrerin für Gewaltfreie Kommunikation und bin begeistert, wie es in Schulen, die diesen Ansatz wirklich ernsthaft umsetzen, schön zugeht. Es gibt in Amerika und ich glaub auch in Schweden Schulen, die nach Gewaltfreier Kommunikation aufgebaut sind. Empfehle auch das Buch von Marshall Rosenberg When students love to learn and teachers love to teach, sowie zahlreiche Beiträge von ihm auf youtube, wenn Interesse besteht…
    Liebe Grüße, Laura

  3. Beim Lesen fiel mir auf, dass das französische Schulsystem scheinbar sehr viel wert darauf legt, die SchülerInnen zu echten französischen BürgerInnen zu erziehen. Und „Französisch“ bedeutet „nationale Gleichmachung“ und „Leistungssegregation“.
    Bis sie 15 Jahre alt sind, werden sie einer gleichen Ausbildung unterzogen. Die enge staatliche Aufsicht und streng durchgeführte Lehrpläne sollen zu einer Nivellierung sozialer Unterschiede, zur Entstehung einer französischen Identität (was immer das sein soll) und Leistungsseparierung aller Kinder führen. Die Kinder haben gut in Französisch zu sein, das unter hohem Druck passiert, die Lehrpersonen verwaltet der Staat und teilt sie ohne Einwilligung einem Standort zu.

    Solange Schulsysteme dem nationalen Willen unterworfen sind, werden Kinder anderer Kulturen entweder ausgegrenzt oder assimiliert. Jene Kinder werden es trotz ihres Leistungsvermögen nie in die angesehenen Bereiche der Gesellschaft schaffen.
    Solange Schulsysteme nach einer strengen Hierarchie aufgebaut sind, haben die einzelnen Schulstandorte keine Autonomie und müssen einem bürokratisch übergeregelten Weg folgen. Die Kreativität sowie die kulturen Unterschiede der Kinder, der Schulen, der Regionen werden untergraben und es folgt „Unterricht nach Vorschrift“.

    Das französische Schulsystem ist gut für die „echten“ französisch-nationalen BürgerInnen, die sich unterordnen können, aber schlecht für alle aufstrebenden, kreativen Querdenker mit neuen Ansätzen.
    Ich befürchte leider eine Renationalisierung in den Pariser Anschlägen und ich frage mich mit den Worten von Benjamin R. Barber, Gründer des internationalen Bürgermeister-Parlaments und Berater Bill Clintons, ob die Nationen nicht bereits seit geraumer Zeit überflüssig und unfähig geworden sind. Der national denkende Mensch kann die Probleme von heute nicht mehr lösen.

    Für Österreich erhoffe ich mir ein Schulsystem, das echte finanzielle, personelle sowie pädagogische Autonomie innerhalb regional geltender, gleicher Rahmenbedingungen zulässt. Diese brauchen jedenfalls nicht national zu sein, es reichen universelle Grundgesetze und -werte (Menschenrechte, kulturelle Grundwerte, pädagogische Konzepte aller Art mit einem gemeinsamen Wissenskern) innerhalb regionaler Kulturzonen. So sind wir frei und doch halten wir uns an gemeinsame Regeln und Werte.

    • Gut geschrieben. Die neue Schulreform collége 2016 wird die Schulsituation für die Schüler noch verschlechtern. Bevor sich das Schulsystem ändert muss sich die französische Gesellschaft ändern was mit dieser jetzigen Regierung nicht möglich ist.

      • Inwiefern wird die Schulreform „collége 2016“ die Schulsituation verschlechtern. Weißt du da noch mehr? Danke!

      • Ich versuche gerade mich selber zu informieren. Es ist nicht einfach die Schulreform zu verstehen. Eigentlich hört es sich auf dem ersten Blick sehr gut an. Vor allem geht es um die Fremdsprachen .Die clase européen sollen gestrichen werden. Durch Zufall bin ich bei Facebook auf Folgendes gestossen.
        https://www.facebook.com/Comprendre-La-Reforme-Du-College-450272498481834/?fref=photo
        Verschiedene deutsche Artikel sind erschienen .Schulreform2016
        http://www.deutschlandfunk.de/frankreich-streit-ueber-die-schulreform.795.de.html?dram:article_id=320209
        http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/taegliches-diktat-frankreichs-schulreform-13816030.html
        es sind viele Artikel erschienen, was jetzt richtig ist kann ich nicht sagen.
        .
        http://www.reforme-college-desintox.com/vrai-faux-gouvernement.php diese Seite habe ich kurz überflogen.

        Das habe ich jetzt geschrieben . Muss ich aber noch überarbeiten.

        2011 beteiligte sich eine Schulklasse aus Poitiers und Marburg
        an einem vom Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) ausgeschriebenen, zweisprachigen Wettbewerb „Schüler machen Zeitung – Jugend in Europa“. In Marburg konnte ich beobachten mit welchen Ehrgeiz und Begeisterung die deutsch- französischen Schüler an diesem Projekt teilnahmen.
        Mit viel persönliches Engagement begleiteten die Lehrer dieses Projekt. Viele französische Schüler waren das erste Mal in Deutschland und waren ein wenig überfordert mit der Selbstständigkeit der deutschen Schüler. Toleranz, Selbstständigkeit Hilfsbereitschaft und Anpassung konnte man bei den Schüler beobachten. Auch wenn manchmal die Sprachkenntnisse fehlten bildeten sich viele Freundschaften zwischen deutschen und französischen Schülern.
        Deshalb ist es so wichtig, dass die Europaklassen erhalten bleiben. Sprachen lernen ist nicht nur eine Aneignung von Vokabeln. Auch wenn nicht jeder Schüler über gute Sprachkenntnisse verfügt nehmen sie mit viel Interesse und Freude an den Austauschprogrammen teil. Die Klassen mit erweitertem Sprachunterricht geben den Schülern die Möglichkeit fächerübergreifend verschiede Themen in verschieden Bereichen wie Politik, Umwelt, Klimaerwärmung, Erneuerbaren Energien, Berufsausbildung usw. zu gestalten. Gerade jetzt trotz aller Schwierigkeiten innerhalb von Europa ist es wichtig, das Lernen einer Fremdsprache. Der Schüleraustausch trägt dazu bei fremde Kulturen kennen zu lernen, sich mit anderen Lebensgewohnheiten und anderen Ideen auseinanderzusetzen. Sich mit gesellschaftlichen Themen auseinanderzusetzen ist bei Schülern von Europaklassen sehr ausgeprägt. Viele Lehrer begleiten mit viel Engagement und persönlichen Zeitaufwand ihre Schüler.
        Mit den Streichen der Europaklassen besteht auch der Rückgang der Abi-Bac Klassen in Frankreich. Ehemalige Schüler von Europaklassen und Abi -Bac Klassen engagieren sich in verschiedenen Aktivitäten im Bereich Umwelt, Atompolitik, Notre Dame des Landes usw. Die Streichung der Europaklassen wird auch Einfluss auf das Schulleben und auf die persönliche Entwicklung der Schüler haben.
        Von dieser Reform sind nicht nur die französischen Schulen betroffen sondern auch die Universitäten und nationale und internationale Unternehmen.
        Es wichtig das Eltern, Schüler, Studenten, gemeinsam mit Lehren sich gegen diese Schulreform aussprechen.
        Ja, Frankreich braucht eine neue Schulreform. Wir brauchen eine moderne Schulreform. Wir brauchen eine Reform in dem die Kinder wieder mit Freude in die Schule gehen.
        Wir brauchen eine Reform das die jungen Menschen aufs Berufsleben vorbereitet¨usw..

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