Immer die Frauen

Burkini. Vollverschleierung. Zu knappe Röcke. Zu viel Entblößung. Was jetzt?

Die Fotos französischer Polizisten am Strand, die eine Burkiniträgerin anhielten (aufweckten), damit diese ihren Burkini lüfte, gingen gestern um die Welt.

GeraCqRWcjlWEAArczqde vor ein paar Tagen bin ich auf Twitter auf ein Bild aus den 20er Jahren gestoßen. Auf dem Bild vermisst ein Herr in langen Hosen und Hut die Badebekleidung einer Dame in Bezug auf die Länge der Bedeckung der Beine. Der Zeit ihre Sitten. Der Zeit ihre Moral.

Zwischen diesen Fotos liegen nicht einmal 100 Jahre. Die Bekleidung der Frau beim Baden war wohl immer wesentliche Verhandlungsmasse für kulturelle Gepflogenheiten oder Moralvorstellungen. Nachzusehen auch im Kunsthistorischen Museum bei der nackten Susanna.

Aber es geht nicht bloß um Badebekleidung, sondern um Bekleidung der Frauen generell. Ich hab noch gut in Erinnerung, wie eine AHS-Professorin, die eine gute Bekannte meiner Eltern war, bei einem Nachmittagskaffee mit Guglhupf sich darüber empörte, dass ihre Schülerinnen so leicht bekleidet in den Unterricht kommen würden. Und sich dann auch noch wundern würden, wenn….

Dieses Gespräch ist keine 100 jahre her, sondern vielmehr 15 oder 20.

Kommen wir also zur Burka, also der Vollverschleierung. Nie im Leben würde ich mich freiwillig so bekleiden. Eingeschränkte Sicht, eingeschränkte Freiheit, eingeschränkte Persönlichkeit. Ich will genauso wie alle anderen, als Mensch, mit meiner Haut, meinem Haar und meinem Gesicht durch die Gegend laufen. Unverhüllt (auch unbestrumpft und unperückt), wenn ich es will, weil ich es will.

Stört es mich, wenn ich eine Burkaträgerin in Wien sehe? Ehrlicherweise muss ich mit Ja und Nein antworten. Aus zwei Gründen: erstens sehe ich aus feministischer Sicht nicht ein, warum sie eine Kleidervorschrift zu befolgen hat. Aber das muss mich ja nichts angehen. Zweitens ist es unangenehm, das Gesicht, die Gesichtszüge, die Mimik und damit auch die Emotion des Gegenübers nicht zu sehen. Ich mag auch Faschingsmasken nicht besonders: eine Reihe von scary movies laufen in meinem Kopf bei deren bloßen Anblick ab. Aber ich muss mit den Personen ja nicht sprechen.

Soll man es deshalb verbieten? Nein. Meine Freiheit wird dadurch nicht eingeschränkt. Ob etwas mein Gefallen findet oder nicht sollte nicht darüber ausschlaggebend sein, Freiheiten durch Verbote einzuschränken. Wer sich durch eine Burka oder einen Burkini in seinen Werten bedroht fühle, der sei daran erinnert, dass unsere Gesellschaft vor allem auf den Werten einer aufgeklärten, humanistischen, toleranten und offenen Gesellschaft beruht. Tolerare heißt „Ertragen“ oder „Erdulden“, nicht „gut Heißen“.

Aber: In öffentlichen Kontexten wie Schulen, Krankenhäusern, Gerichten hat die Vollverschleierung nichts verloren. Da geht es darum, sein Gegenüber zu sehen, seine Mimik zu erkennen und einschätzen zu können. In einer Bank ist eine Burka aus verständlichen Gründen ebenso schwierig. (Sturmhauben sind noch schwieriger). Im täglichen Geschäftsverkehr wird eine Voll-Verschleierung wohl als unüblich eingestuft werden und sollte dann eben nicht toleriert werden müssen.

Arabische Touristinnen in Zell am See würde ich bei dieser Diskussion übrigens nur bedingt als Argument gegen ein Verbot anführen: Es ist zwar ein pragmatisches Argument, aber im Kern geht es darum, unsere Werte hochzuhalten, wenn man sich gegen ein Verbot ausspricht – unabhängig vom ökonomischen Nutzen. Die jedoch, die an der Stelle anführen, dass ich im Iran ja auch nicht im Bikini rumlaufen könne, verleugnen diese, unsere Werte ebenso:  Der Iran ist eben keine humanistische, offene Gesellschaft.

Aber ich verlange von der offenen Gesellschaft auch, dass ich äußern kann, dass eine Burka bei uns glücklicherweise nicht üblich ist und gar als abwehrend oder irritierend wahrgenommen werden kann. In Zeiten von islamistischen Terroranschlägen möglicherweise auch als beängstigend. Die eigenen kulturellen Gepflogenheiten (so sie keine Freiheiten von anderen einschränken) und die eigenen Emotionen sollte niemand verleugnen müssen. Dann nämlich wird politische Correctness zur inneren Qual. Mehr Selbstbewusstsein wär da nicht fehl am Platz.

Ist die Burka eigentlich das größte Problem, das wir haben? Nein, bestimmt nicht. Die ganz offensichtliche Identitätskrise, in der wir stecken, aber schon. Und interessant: vehandelt wird das immer über die Frauen.

5 Kommentare zu “Immer die Frauen

  1. Die beiden Bilder passen nicht zusammen: Bei der Vermessung der Miniröcke ging es darum, Freiheiten von Frauen in Frage zu stellen und dadurch konservative, bürgerliche Moralverstellungen zu behalten.

    Wir zeigen unsere Toleranz nicht, indem wir Wegschauen und zusehen, wie Frauenrechte schön langsam eingeschränkt werden: Beim Verschleierungsverbot unterstützen wir die liberalen Musliminnen, die bei „Freiwilligkeit“ dem Druck der Community, der Familie und der Männer ausgeliefert sind. Das geht ganz subtil, man sagt zum Familienvater „Hast du deine Frauen nicht unter Kontrolle? Schau, wie deine Tochter herumläuft, die Leute reden schon darüber…“ und Ausgrenzung in der eigenen Community ist eine schlimme Sache.

    Ich verstehe das Problem einer liberalen Gesinnung, die nicht gerne verbietet. Da müssen wir Prioritäten setzen: Auch bei der weiblichen Genitalverstümmelung ergreifen wir Partei der Mädchen und Frauen und sagen nicht, dass das Erziehungsrecht der Eltern diese massiven Eingriffe beinhaltet. Wir zwingen Kinder lesen, schreiben, rechnen und noch Einiges mehr zu lernen und zur Schule zu gehen – auch das manchmal gegen den Willen der Eltern. Was ist uns mehr Wert: Individuelle Entscheidungen zu tolerieren oder die Gesamtheit eines Gesellschaftsgefüges im Auge zu haben?

    Was tun wir, wenn Salafisten ein von Saudi-Arabien und Katar gesponsertes Projekt „Wir gründen einen Staat im Staat“ mitten in Europa weiterentwickeln? In Bosnien verkaufen Bürgermeister ihre Dörfer, die dann zu Sonderrechts- und -staatszonen werden? Siehe: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/01/20/vor-den-toren-europas-radikale-islamisten-kaufen-land-in-bosnien.
    Ich hab mein ganzes Leben für Frauenrechte gekämpft und werde das weiter tun. Damit ich weiterhin in einer liberalen Umgebung leben kann!

    • Ich verstehe worauf Du hinauswillst: Frauenrecht muss man wehrhaft schützen. Da bin ich bei Dir, aber Kleiderverbote helfen da wenig. Viel mehr ein selbstbewusstes Vorleben und das auch artikulieren. Genitalverstümmelungen sind bitte eine ganz andere Sache: Hier handelt es sich um eine Körperverletzung!

  2. Liebe Beate,
    Danke für diesen wohlüberlegten Aufsatz. Ich frage mich, woher diese Diskussion kommt. Was stört uns mehr: eine (ehrlich gesagt, kaum im Stadtbild zu sehende) verschleierte Frau, oder beispielsweise die vielen Obdachlosen, die fehlernährt und ungepflegt auf öffentliche Plätze angewiesen sind? Die würden uns eigentlich was angehen.
    Ich behaupte einmal: wenn unser Land am Leben wäre, innovativ, reformfreudig, neugierig auf das reale Leben, anstatt eingeschränkt auf eine Ideologie, hätten wir keine Zeit oder kein Interesse, unsere Nase ständige in den Privatangelegenheiten der Anderen zu haben. Wenn unsere Regierung nicht auf Verbote aussprechen reduziert wäre und vom Volk dazu aufgefordert, könnten wir unsere Lebensqualität in der Tat verbessern, anstatt (wie, denn?) Strafen für Bekleidung auszudenken. Ausgenommen sind natürlich Überlegungen der Sicherheit; die gelten für jede Art der Bekleidung.
    Die Lösung: Bildung! Das Leben ist so interessant und spannend. Schade, die Sicht auf ein solches Nichtproblem zu beschränken.

  3. Ich verstehe hier den feministischen Standpunkt nicht ganz, Beate. Es wird in den Schulbüchern und anderswo gegendert bis zur Unverständlichkeit, meist mit dem Argument, dass das Weibliche auch in der Sprache „sichtbar“ werden muss. Und dann werden Frauen durch männlich oktroyierten Vorstellungen gezwungen, sich komplett zu verschleiern (ich red hier nur von der Burka nicht der lächerlichen Burkini-Debatte) und Du sagst, das muss Dich eigentlich nichts angehen? Feministinnen verlangen, dass in Texten verbindlich Frauen sichtbar gemacht werden und sei es auf Kosten der Grammatik und der Lesbarkeit, aber im öffentlichen Leben lassen wir zu, dass sie durch Vollverschleierung allen Blicken entzogen werden? Wir lassen es zu, dass dieses extreme Beispiel von Ungleichbehandlung und Ungleichstellung (wo gibts eine Verschleierungsvorschrift für Männer?) aus offensichtlich propagandistischen Gründen öffentlich zur Schau gestellt wird? Ja, es geht nicht um Körperverletzung, aber doch zumindest um die Verletzung der menschlichen Würde und zwar in zweierlei Hinsicht: der Würde der Frau, die sich auf männliches Geheiss hin verschleiern muss. Dahinter steckt aber auch ein scheinbar paradoxes Narrativ, das die Verschleierungsvorschrift mit einer Überhöhung der Frau begründet: weil sie so wertvoll sei, darf sie ihr Antlitz nicht anderen Menschen/Männern zeigen (geschweige denn andere Körperteile). Frauen, die das nicht befolgen, sind dementsprechend wertloser und werden auch so behandelt – und damit richtet sich dieses Verhalten eben schon auch gegen die Freiheit der Unverschleierten und gegen deren Würde. Das ist der kulturelle Kontext, in dem man das meiner Meinung nach betrachten muss.

    Ich bin aus diesen Gründen für ein Verbot der Vollverschleierung im ganzen öffentlichen Raum. Und ich bin für Strafverfolgung von Männern, die Ihre Frauen zur Vollverschleierung zwingen unter dem Vorwand religiöser oder kultureller Traditionen. Es widerspricht einfach den fundamentalen Wertvorstellung der Gleichstellung von Mann und Frau.

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