Paris: Bildung und Ausnahmezustand

Ich bin diese Woche auf Arbeitsbesuch in Paris. Eingeladen vor längerer Zeit vom französischen Außenministerium besuche ich politische Institutionen, Bildungseinrichtungen und treffe Politikerinnen und Politiker zum Austausch. Dabei habe ich viele Interessenslagen, allen voran Bildung.

Zunächst aber zum AusnahmezusIMG_2757tand hier. Ja, es ist durchaus gespenstisch. Insbesondere die vergangenen Tage, an denen auch die Staats- und Regierungschefs zur Klimakonferenz geladen waren, waren bedrückend. Kaum jemand auf der Straße, die Bars und Cafés leer. Mag sein, dass man erklärt, sich die „façon de vivre“ nicht nehmen lassen zu wollen. Im Zweifel bleiben viele zu Hause. Dennoch war heute Abend gerade in St. Germain einiges wieder los. Patrouillierende Militärs in manchen Straßen zeichnen aber ein anders Bild, und kaum einer kritisiert den verhängten Ausnahmezustand. Unter vorgehaltener Hand wird allerdings gesagt, dass die Gelegenheit nun auch günstig käme, gegen das organisierte Verbrechen vorzugehen. Im Moment jedenfalls scheint eine Mehrheit den temporären Ausnahmezustand zu begrüßen. Kritiker sind jedoch da.

Oft wird argumentiert, die Regierung Hollande sei unter Druck wegen der bevorstehenden Regionalwahlen (sie starten kommendes Wochenende). Die Angst vor einem Erstarken der Front National ist groß. Mancherorts geäußerte Kritik, die Regierung hätte zu wenig getan nach Charlie Hebdo ist nicht unbedingt nachvollziehbar. Der Unterscheid ist aber, dass Charlie Hebdo die laizistische, polarisierende, journalistische Elite traf. Die Anschläge vom 1. Februar (be)trafen aber alle, vor allem die Jungen.

A propos Laizismus: Dieser ist eine der Kernsäulen des Bildungssystems in Frankreich. Das heißt auch, dass auch konfessionelle Schulen, die einen Vertrag mit dem französischen Stat eingehen und auch damit ein staatlich anerkanntes Diplom vergeben, sich dem unterwerfen müssen. Das ist konsequent. Und nicht erst jetzt wäre das eine ernst zu nehmende und wichtige Diskussion auch in Österreich.

Aber auch in anderen Dingen ist das französische Schulsystem anders als in Österreich, ja ich würde sogar weiter gehen und sagen, es ist gegen den Trend in Europa.

Reden wir – aus Gründen – in Österreich von mehr Schulautonomie, so gibt es hier nur zaghafte Tendenzen in diese Richtung. Etwa 20% des Unterrichts kann nun nach einer Reform der Collèges autonom entschieden werden.

Was großartig in Frankreich funktioniert und ein LIMG_2742euchtturm für Österreich sein könnte, ist das Verständnis, dass Bildung schon früher als mit 6 Jahren beginnt. Mit den Écoles maternelles, die nicht verpflichtend ab 3 Jahren (seit kurzem in „schwierigen“ Gegenden schon ab 2 Jahren) für alle gratis offen stehen, hat Frankreich ein klares Bekenntnis zu einer Frühkindpädagogik, die als erste Bildungseinrichtung gesehen wird. Nahezu 100% der Kinder sind ab 3 Jahren in den Écoles maternelles eingeschrieben. Hier geht es nicht nur um Betreuung, damit Eltern berufstätig sein können, sondern um behutsame pädagogische Ansätze und um Chancengerechtigkeit. Nicht verpflichtend, aber unschlagbar im Angebot. Im Übrigen natürlich ganztägig verfügbar, wenn man das wünscht. Außer Mittwochnachmittag sind die Kinder bis 16 Uhr in der Vorschule. Weitergehende „péri-éducative“ also nicht außer-edukative Betreuung wird angeboten – auch im Sommer. In Paris sind pro Arrondissement selbstverständlich ca. 3 Schulen offen im Sommer mit nicht-edukativem Programm.

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Francoise Cartron (PS) Vize-Präsidentin des Senats und Berichterstatterin der letzten Schulreform

An die maternelle (Vorschule) schließt die école élémentaire an – die Grundschule. Die Besonderheit des Übergangs liegt darin, dass alle Lehrerinnen und Lehrer für beide Schultypen die gleiche Ausbildung haben. Sie wechseln auch von Grund- zu Vorschule und umgekehrt. Selbstverständlich entspricht die Ausbildung einem akademischen Niveau. Das wäre ein klarer und dringend nötiger Paradigmenwechsel in Österreich. Kleinkindpädagogik aus einer Hand. Aber auch für die Lehrerinnen und Lehrer der Mittelschulen (Collèges) und der höheren Schulen (Lycee) gab es 2013 eine Ausbildungsreform. So wurde der Ausbildung in den entsprechenden Fächern eine 2jährige pädagogische und praktische Ausbildung für alle angefügt. Die Vizepräsidentin des Senats Francoise Cartron war hierzu Berichterstatterin (die letzte Reform des Schulwesen beinhaltete einige Punkte auch die inklusive Schule) und hat viel über Pisa und die Folgen sowie den Versuch die Zahl der Schulabbrecher_innen einzudämmen erzählt.

Die Vorteile einer Vor- und Grundschule aus einem Guss liegen auf der Hand: es gibt in Frankreich keine Sprachprobleme – weder mit Kindern, die schon in Frankeich geboren sind, noch mit später eingeschulten. Im Übrigen ist hier das System von Vorbereitungsklassen ganz normal und nicht ideologisch besetzt. Je nach Geschwindigkeit des Kindes bleiben die Kinder dort ein paar Wochen bis ein paar Monate. Der Curriculum bestimmt sich über die gesamte Schulzeit in einer Schulform. Unterschiedliche Gechwindigkeiten sind die Regel, aber werden mitgenommen. In sozial schwachen Gegenden mit mehr Lehrern.

Haben damit alle Kinder am Ende der Grundschule die nötigen Basiskenntnisse in Rechnen, Schreiben, Lesen und in Französisch? Ich weiß es nicht. Ich denke aber ja. Wobei generell zu sagen ist, dass Leistung sehr wichtig ist in den französischen Schulen. Dazu morgen mehr….

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