Aufstand der Wiener Ärzte – wie man sehenden Auges ein Gesundheitssystem zerstört

Die Einführung des  Ärztearbeitszeitgesetzes ist ein Murks. Wir NEOS haben nicht zugestimmt. Nicht, weil wir an sich dagegen sind, dass endlos lange Dienste auf ein vernünftiges Maß reduziert werden, sondern, weil wir von Anfang an darauf hingewiesen haben, welche Konsequenzen das Gesetz mit sich bringt und niemand sich rechtzeitig eine Diskussion antun wollte. Nicht umsonst wurde das Gesetz ohne öffentliche Begutachtung durchgepeitscht. Nun haben wir in mehreren Bundesländern den Salat. In Wien ganz besonders.

Seit 1998 war bekannt, dass Österreichs Regelung der 72-Stunden-Dienste geändert werden muss. 2003 wurde eine entsprechende Richtlinie in der EU beschlossen. Mehr als 10 (!) Jahre später wird die Richtlinie nun umgesetzt und niemand ist vorbereitet.

Wiens Gesundheitssystem ist TOP im internationalen Vergleich. Die Ärzte bekommen ein vergleichsweise niedriges Grundgehalt, das sie dann durch Überstunden und Nachtdienste und ein paar auch durch Privat-Ordis nebenbei aufbessern. Privatordinationen sind in manchen Bereichen durchaus ein wichtiger Pfeiler der Gesundheitsversorgung – aber ja, darüber kann man diskutieren.

Mit den 72-Stunden-Diensten und insbesondere dem Nachtdienstrad wird die Versorgung mit einer gewissen Anzahl an Ärzten aufrechterhalten. Gut, in manchen Bereichen kann man über die Diensträder reden, weil akut in der Nacht wenig vorkommt. Dafür gibt es in anderen Bereichen – etwa in der Chirurgie – zunehmend angespannte Situationen in der Nacht.

Nun wird die Maximalarbeitszeit gesetzlich auf 48 Stunden gekürzt. Damit ist klar: weniger Ärzte sind im Dienst. Zudem fällt ein bisher wesentlicher Gehaltsbestandteil weg.

Dass Österreich ein Land der Zulagen ist, weiß man schon von den Beamten. Richtig wäre ein ordentliches Grundgehalt, das auch dem internationalen Wettbewerb standhält.

Dass mit der gleichen Anzahl an Ärzten weniger Versorgung geboten werden kann, wenn die Ärzte weniger arbeiten dürfen, ist auch logisch.

Was passiert nun in Wien? Man ist völlig unvorbereitet!

Der heutige Aufschrei der Primarärzte ist ein Hilferuf. 382 Stellen einzusparen und 30% der Diensträder zu kürzen ist ein massiver Eingriff in die bestehende Qualität der Gesundheitsversorgung. Von allen Seiten kann man hören, dass spätestens ab Mai, wenn die Überstunden abgebaut werden müssen, Leistungen einfach nicht mehr so erbracht werden können. OP-Termine werden verschoben, wichtige Leistungen nicht erbracht. Hier wird ein Gesundheitssystem sehenden Auges zerstört.

Was tut Wien? Wien steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Spielraum für eine Gehaltsreform gibt es nicht. In den letzten Jahren hat man simpel zu viel ausgegeben. Die Schulden sind enorm.

Wenn die Antwort auf die seit über 10 Jahren anstehende Ärztearbeitszeitreform die ist, dass man Stellen abbaut und Diensträder streicht, dann ist klar, was passiert: die Leistungen werden gekürzt. Das gute Gesundheitssystem ist massiv in Gefahr. Die Qualität wird sinken. Und das wird ganz genau das Gegenteil bewirken, was die Sozialdemokratie und die Grünen propagieren, nämlich ein Ende der 2-Klassen Medizin. Im Gegenteil: wenn das öffentliche Gesundheitssystem an Qualität abnimmt, werden immer mehr ins Private ausweichen.  Das kann doch nicht ernsthaft ein Konzept sein.

Wenn wir es nicht schaffen, ordentliche Arbeitsbedingungen mit ordentlichen Gehältern für Ärzte zu schaffen, dann sind die Besten weg.  Im Ausland oder in anderen Bundesländern wo man eine Einigung schneller und besser zustande gebracht hat.

Eine Reform des Spitalswesens in Wien ist nötig. Die geplante Konzentrierung auf einige Standorte ist nachvollziehbar. Die Forderung nach der Stärkung des niedergelassenen Bereichs bleibt aber weiter ein Lippenbekenntnis. Zwei Primärversorgungszentren sind rein quantitativ zu wenig.

Zudem wird das KH Nord ein finanzielles Debakel der Sonderklasse, einfach weil die Stadt es sich nicht nehmen lassen wollte, die Einzelaufträge selbst zu vergeben. Nun ist die Stadt aber kein Generalunternehmer und politische Begehrlichkeiten bei Aufträgen waren noch nie zum Vorteil der Steuerzahler.

Die Ausgaben für das KH Nord werden explodieren. Schön für Rot-Grün, dass bis dato die Schulden des KAV dem Stadtbudget nicht zugerechnet wurden, obwohl sie das tun müssten. Schlecht für den finanziellen Spielraum, den es geben müsste, wollte man die beste Gesundheitsversorgung weiterhin gewährleisten.

10 Kommentare zu “Aufstand der Wiener Ärzte – wie man sehenden Auges ein Gesundheitssystem zerstört

  1. erlaube mir einen Hinweis:
    aus dem Sinn schließe ich, dass es im vorletzten Absatz ’nicht‘ heißen müsste.

  2. Ich war schon immer der Meinung, dass niemand 24, geschweige 48 oder 72 Stunden durcharbeiten kann. Sprich, was haben die Ärzte bislang gemacht? Sie haben im Dienst, gut bezahlt, geschlafen. Ich würde soweit gehen, die tägliche Höchstarbeitszeit der Ärzte auf 12 Stunden zu begrenzen. Diese zwölf Stunden hat der Arzt dafür zu arbeiten, nicht zu schlafen, wie übrigens auch die Krankenpfleger, denen ein Schlafen im Dienst (auch nachts) nicht erlaubt ist. Ich bin froh, dass mit dieser unendlichen Geldverschwendung der fürs Schlafen bezahlten Ärzte nun Schluss ist. Leider nicht rigoros genug, denn weiterhin wird es 24-Stunden-Dienste geben. Wären es stattdessen 2 x 12 Stunden wäre die Produktivität viel höher, der Ärztemangel viel weniger akut. Nichtsdestotrotz bin ich für ein angemessenes Grundgehalt für Ärzte (Berufseinstiegsgehalt ohne Zulagen sollte so bei € 2.000 netto liegen).

    • was für ein sauschädl…
      klar kann man 24 std ohne schlaf durcharbeiten, ist sogar angenehmer als immer wieder nach 30 Minuten geweckt zu werden!
      noch nie nen Chirurgen nach nem durchgearbeiteten 48 std Dienst gesehen…
      zum Kotzen

    • … Unqualifizierte Statements eines Nachplapperers !!
      Ein Augenarzt kann vielleicht (!!!!) im Dienst schlafen . Aber genau wegen Solchen Vollpfosten ( Autor zuvor )muss man im Dienst aufstehen ( wir werden für die Bereitschaft bezahlt!weil Patienten mit Beschwerden antanzen – die seit Tagen oder Wochen bestehen -aber damit wird jetzt Schluss sein !… Und der dr Google konnte dabei auch nicht helfen . Ist es doch so einfach – man recherchiert im Web und dann ist man schon schlauer als der Arzt ☺️

    • Es tut mir sehr leid, aber Ihren Kommentar zu Folge müssen Sie ja selbst Arzt sein um diese Behauptung Ärzte schlafen 12 Stunden in ihren Diensten hier zu schreiben!!!
      Ich selbst bin Ärztin und kann somit ihre Behauptung widerlegen, wir sind mind. 24 Stunden im Dienst und eine ruhige Nacht kann ich an einer Hand abzählen, man ist schon froh wenn es ein paar Stunden ruhig ist, an einer Schlafqualität wie Sie beschreiben, ist kaum zu denken. dennoch übe ich meinen Beruf sehr gerne aus. Gedanken und Meinungen sind frei, nur sollte man sich zuvor auch erkundigen bevor man ein Urteil trifft 😉

  3. Zuerst einmal: Danke dass Sie sich diesem Thema widmen! Es wurde (und wird) hier von Seiten der Politik meiner Meinung nach viel (!) verabsäumt. Es müssen zukunftsorientierte und gute Lösungen gefunden werden! Ansonsten wird die Abwanderung weiter zunehmen und die Qualität der Patientenversorgung sinken. Ein Anheben der Grundgehälter ist neben dem Aspekt von Wettbewerbsfähigkeit mit Nachbarländern, auch eine Sache des Respekts und der Fairness gegenüber ÄrztInnen.

    Eine kleine Anmerkung: Es gibt/gab keine 72-Stunden-Dienste (das wäre wohl doch etwas sehr lange). Es müsste heissen 72-Stunden-Woche! Dies war die bis dato geltende maximale Arbeitszeit pro Woche.

  4. Ältere Ärzte gehen jetzt wohl rascher in Pension, junge Ärzte gehen eher ins Ausland, dazwischen werden sich einige in eine eigene Ordination zurückziehen oder 24 h-Gemeinschaftspraxen errichten, um die nicht behandelten Patienten gegen gutes aufzufangen. Wie wird das versicherungsmäßig abgedeckt – mit Honorar wie schon bei vielen neuen Arztpraxen.

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